Zitat aus der Welt am Sonntag: 03.10.10 und dem Wallstreet Online Forum


Der Westen hat die Kosten für den Aufbau der neuen Länder nicht allein getragen. Im Gegenteil

Zum 20. Jahrestag der Einheit räumen renommierte Wissenschaftler mit einem alten Vorurteil auf. Die finanziellen Lasten der Wiedervereinigung sind keineswegs hauptsächlich vom Westen geschultert worden. „Wenn man genauer hinschaut, dann erkennt man, dass Ostdeutschland zu einem Großteil die Kosten der Einheit selbst getragen hat – und immer noch trägt“, sagt Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) in der „Welt am Sonntag“.

Blum widerspricht damit dem gängigen Eindruck, wonach der Westen die Kosten weitgehend allein zahle. Zwar hätten die alten Länder netto 1,4 Billionen Euro in den Osten transferiert. „Berücksichtigt man jedoch alle gesamtwirtschaftlichen Effekte, werden die Lasten der Wiedervereinigung überwiegend im Osten geschultert“, sagt auch Thomas Lenk von der Universität Leipzig.

Die Rechnung ist kompliziert, da es um mehr geht als nur um die Steuergelder, die vom reichen Westen in den armen Osten geflossen sind: Unter dem Strich haben rund 1,8 Millionen Menschen nach der Wende ihre alte Heimat verlassen und im Westen ihr Glück gesucht. Da es sich dabei meist um gut ausgebildete Arbeitskräfte handelte, erwirtschaften sie rund ein Viertel des Wirtschaftswachstums auf dem Territorium der alten Bundesrepublik.

Grob überschlagen machten allein die Steuergelder der Ostdeutschen im Westen ein Drittel der Transferleistungen von 75 Milliarden Euro pro Jahr aus , rechnet Blum vor. Spätestens ab 2013 werde die Wirtschaftsleistung der Ostdeutschen im Westen der Höhe der Transferzahlungen entsprechen.

Das aber ist nicht der einzige Effekt, von dem der Westen profitiert. Zum einen hat sich durch die Wiedervereinigung das Absatzgebiet der Westfirmen stark vergrößert. Unternehmensgewinne und damit Steuereinnahmen stiegen in ungekanntem Ausmaß. Ebenso wichtig:

Die Einheit hat mit ihren Folgen für den Arbeitsmarkt im Osten auch den Westen wettbewerbsfähiger gemacht. (Anm.: Seit 20 Jahren ist die Arbeitslosigkeit im Osten doppelt so hoch wie im Westen, das drückt die Löhne nach unten und hat in Deutschland einen Niedriglohnsektor etabliert. Dieser findet seinen Ausdruck in Zeitarbeit, 1-Euro-Jobs und seit neuestem in der sogenannten Bürgerarbeit) „Wir sind deshalb jetzt so gut durch die Weltwirtschaftskrise gekommen, weil wir beim Aufbau Ost so viel gelernt haben“, sagt Blum. … Zitat Ende